Besuch einer Gender-Professorin

Dr. Claudia Bruns, Professorin für Historische Anthropologie und Geschlechterforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin, Gast im LK Sozialwissenschaften

„Heteronormativität“, „performativer Akt“, „Dekonstruktion“, „Gender-Mainstreaming“ – diese Begriffe waren den meisten Hörer*innen des Leistungskurses Sozialwissenschaften der Q1 völlig fremd, bevor sie sich mit ihrem Lehrer, Herrn Hartmann, im Unterricht mit den Grundlagen der Geschlechtersoziologie beschäftigten.

Dass unsere Vorstellungen von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen Ergebnisse eines kulturellen, gesellschaftlichen Prozesses sind, das Geschlecht also auch sozial konstruiert ist, deckte sich mit den Erfahrungen der Hörer*innen. Dass eine feministische Theorie aber auch das biologische Geschlecht als soziale Konstruktion ansieht, überraschte dann doch viele.

Umso mehr freuten wir uns, dass Frau Dr. Claudia Bruns, Professorin für Historische Anthropologie und Geschlechterforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin, uns am 22. September 2020 im Unterricht besuchte. Frau Professor Dr. Bruns skizzierte kurz die Grundannahmen der feministischen Theorie der Philosophin Judith Butler. Danach ging sie, auch im Gespräch mit den Hörer*innen, auf verschiedene Genderaspekte ein. Frau Professor Dr. Bruns:

  • Medien transportierten Vorgaben für den Körper. Geschlechterbilder seien häufig stereotyp.
  • Selbstverständlichkeiten würden durch die Genderwissenschaften der Selbstverständlichkeit beraubt, so z.B., dass der Körper keine Geschichte habe. Das Verhältnis des Menschen zum (eigenen) Körper, das Körperempfinden, sei aber in der frühen Neuzeit ein anderes gewesen als heute.
  • Die AfD vertrete ein gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter gerichtetes Bild von Männlichkeit. Ob diese antiemanzipatorische Richtung ein Rollback einleite, bleibe abzuwarten.
  • Anders als es in der Öffentlichkeit vielleicht erscheine, seien die Hochschulen noch immer eine Männerbastion. Der Gegenwind für (mehr) Geschlechtergerechtigkeit sei stärker und rauer geworden.

Frau Professor Dr. Bruns verband im Vortrag und Gespräch die abstrakte mit der konkreten Ebene: Wenn sich z.B. eine Schülerin in Diskussionen im Unterricht sehr zurückhalte, würde ein solches Verhalten häufig mit ihrer Charaktereigenschaft erklärt werden, aus Genderperspektive handele es sich hingegen um eine kulturelle Kodierung.

Die Diskussion verlief wenig konfrontativ, was sowohl die Hörerschaft als auch Frau Dr. Bruns ein wenig überraschte. Der Unterrichtsbesuch von Frau Dr. Bruns war für einige Hörer*innen auch Anlass, ihre eigenen Klischees von Feminist*innen und Genderforscher*innen zu hinterfragen.

Eine Hörerin formulierte in der Nachbesprechung, warum der Genderansatz für sie eine Bereicherung darstellt: „Wenn man sich mit Gender beschäftigt, wird das Umfeld ganz anders wahrgenommen.“

Martin Hartmann